Industrie 4.0 und Beratungen: „Sie kleben noch sehr an der großen Vision“

Als Manager Technical Sales and Solutions bei IBM Deutschland ist Friedrich Vollmar Experte für die Digitalisierung der produzierenden Wirtschaft. Vollmar ist Mitglied der Plattform Industrie 4.0 des Branchenverbands Bitkom und wird beim diesjährigen Deutschen Beratertag einen Vortrag zu diesem Thema halten.

Industrie 4.0 steht für die zunehmende Vernetzung – in der Produktion, aber auch über Firmengrenzen hinweg. Wie haben sich die Unternehmensberater auf diesen Trend eingestellt?
Sie sind nicht so weit wie die Industrieunternehmen, von denen viele schon sehr gut begriffen haben, dass dies eine große Chance für sie sein kann. Die Beratungsfirmen dagegen kleben oft noch sehr an der großen Vision – anstatt darüber nachzudenken, wie sie heute schon für den Kunden Realitäten schaffen können. Sie müssen erst mal einige Schritte zurückmachen und die digitale Revolution in der Industrie im Detail ausarbeiten.

Welche Rolle spielen Kosten – ein klassisches Thema der Beratung?
Es bringt ganz sicher nichts, sich auf das Kostensparen zu fokussieren. Das ist so, als wenn man zu Zeiten der industriellen Revolution dem Handweber geraten hätte, noch mehr auf die Ausgaben zu achten. Gegen die Webmaschine konnte er nichts ausrichten. Wenn im Zusammenhang mit Industrie 4.0 die nächsten Entwicklungsschritte eintreten, bleibt für das Kostensparen gar keine Zeit mehr.

Es geht ja vor allem um die Informationstechnik. Ist der klassische Strategieberater da denn überhaupt noch nötig?
Auf jeden Fall. Strategieberater werden vor allem in der nächsten Zeit gefragt sein. Noch beschäftigen sich viele Unternehmen gar nicht mit dem technischen Standard, sondern sie überlegen noch, wie genau sie sich innerhalb der Wertschöpfungskette positionieren. Man entwickelt also gerade die Idee, wohin die Reise gehen könnte. Außerdem werden die Abgrenzungen zwischen den einzelnen Branchen deutlich durchlässiger. Man muss deshalb also in Zukunft nicht nur auf die bisherigen Mitbewerber schauen.

Wenn es die Idee dann gibt, werden die Strategieberater überflüssig?
Es schließt sich ein kultureller Wandel an, der ebenfalls begleitet werden muss. Nur ein Beispiel: Der Kunde eines Maschinenbauers wird eine Anlage nach Maß bestellen können – er diktiert quasi deren Beschaffenheit. Generell wird es zunehmend individuellere Anfertigungen geben. In diesem Zusammenhang wird es ganz sicher viel Bedarf an hochwertiger Beratung geben.

Wie schätzen Sie die Chancen für die klassischen IT-Berater ein?
Die umfangreichen Projekte werden dann kommen, wenn das Fundament gelegt ist.  Aber es wird trotzdem schon in den nächsten Jahren einen beträchtlichen Bedarf an IT-Beratungsleistung geben. Die erste intelligente Maschine in der Fabrik bringt noch nichts, wenn sie mit niemandem kommunizieren kann. Deshalb steht eine stetige Transformation des Maschinenparks hin zur intelligenten Produktion und zum intelligenten Produkt bevor. Das sind klassische Aufgaben für die IT-Berater.

Erschienen im Handelsblatt am 18. November 2013.

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