Wissensmanagement: Firmen sichern ihr Know-how

Mal geht es um Messmethoden bei neuartigen Klebstoffen, mal um technische Feinheiten in der Analyse: 30 Mitarbeiter, quer durch alle Hierarchieebenen, sitzen drei- bis viermal im Jahr beim Klebstoffspezialisten Delo in Wissensmanagement-Konferenzen zusammen. „Wir informieren uns gegenseitig und holen uns Feedback zu vorgeschlagenen Projekten und Methodenentwicklungen ab“, sagt Gudrun Weigel, die unter anderem die Schulungsprogramme der Firma leitet.  Seit 24 Jahren arbeitet sie im Unternehmen – währenddessen hat sie miterlebt, wie die Weitergabe von Know-how an Bedeutung gewonnen hat: „Das Wissensmanagement ist fachlich und didaktisch immer weiter entwickelt worden.“

Ob Produktionsbetrieb oder Dienstleistungsunternehmen – viele Firmen entdecken, dass ein umfassendes und gut organisiertes Wissensmanagement innerhalb des Unternehmens deutliche strategische Vorteile mit sich bringen kann. Studien belegen, dass die Innovations- und die Wettbewerbsfähigkeit dann steigt. „Der professionelle Umgang mit Wissen und Informationen, um die Unternehmensziele zu erreichen – das ist die Grundlage für den Erfolg“, unterstreicht Christian Keller, Unternehmensberater aus Bielefeld mit dem Schwerpunkt Wissensmanagement.

Brandneu ist diese Erkenntnis nicht: Zu Beginn des Jahrtausends habe es einen regelrechten Hype um das Thema gegeben, sagt Keller. Damals vereinfachten neue Kommunikationstechnologien die Speicherung und Weitergabe von Wissen. „Aber man hat komplett unterschätzt, den Faktor Mensch einzubeziehen.“

Neue Bedeutung bekommt das Wissensmanagement nach Einschätzung des Beraters derzeit auch wegen des demografischen Wandels: Wo erfahrene Kräfte das Unternehmen verlassen, geht auch das Wissen in den Ruhestand – und damit unter Umständen für die Firma verloren. Das Bewusstsein, dass ein Wissensmanagement nötig ist, sei daher in den meisten Personalabteilungen angekommen, sagt Keller.  An der Umsetzung hapere es aber teilweise noch.

Als ersten Schritt empfiehlt der Berater ,sich einen Überblick zu verschaffen, wer im Unternehmen über wichtiges Know-how verfügt. Über diese Wissenslandkarte können Erfahrungen gezielt abgefragt und dokumentiert werden. Danach muss es weitergehen: „Die Sicherung des Wissens alleine hat keinen Wert, Nutzen wird erst dann entfaltet, wenn andere Leute es anwenden“, sagt Keller.

Beim Maschinenbauer Wollschläger haben kürzlich sieben Mitarbeiter ihre Verträge verlängert, obwohl sie eigentlich in Rente hätten gehen können. Sie sollen nun ihre in Jahrzehnten erworbene praktische Erfahrung, etwa im Schleifzentrum, an jüngere Kollegen weitergeben. „Langfristiger Erfolg am Markt kann nur erzielt werden, indem ein effektiver Wissenstransfer zwischen Jung und Alt gewährleistet wird“, sagt Markus Bruck, Mitglied der Geschäftsleitung des Bochumer Mittelständlers.

Durch interne Schulungsaufträge erfahren Mitarbeiter im Unternehmen auch eine besondere Form der Anerkennung, sagt Berater Keller: „Nicht nur ihre Arbeit mit den Händen wird wertgeschätzt, sondern auch das, was sie in ihren Köpfen haben.“

Programme wie diese sind langfristig angelegt – und gehen über die gewöhnliche Einarbeitung eines Nachfolgers hinaus. „Mitarbeiter bilden so Mitarbeiter weiter“, sagt Keller. „Das bietet für viele Unternehmen ein Riesenpotenzial.“  Denn die wirklich relevanten praktischen Informationen kennen die eigenen Mitarbeiter naturgemäß besser als externe Trainer.

Projekte zum Wissensmanagement kosten anfangs Zeit und Geld – aber die Investition lohnt sich, davon sind nicht nur Experten, sondern auch viele Firmenlenker überzeugt. Beim Frankfurter IT-Beratungshaus Infomotion ist dem Thema seit 2009 sogar ein eigener Bereich mit zwei Mitarbeitern gewidmet. Das Wissensmanagement soll auch dabei helfen, das schnelle Wachstum der Firma zu unterstützen – und neue Mitarbeiter an neuen Standorten am vorhandenen Erfahrungsschatz teilhaben zu lassen.

Mittlerweile ist der Bereich im Unternehmen derart professionalisiert, dass Wissensprojekte ähnlich wie Kundenaufträge behandelt werden. Dazu gehört ein Antrag inklusive Aufwandsbericht und angepeilten Meilensteinen, der von einem Wissensmanager geprüft wird.

Als erfolgreich abgeschlossen gilt ein solche Projekt erst dann, wenn andere im Unternehmen davon profitiert haben – meist durch einen Vortrag auf einem der mehrmals jährlich stattfindenden „Competence Days“ der Firma. Etwa 20 Arbeitstage pro Jahr stehen dafür jedem Mitarbeiter zur Verfügung. „Zeit ist das Wertvollste, was man für das Wissensmanagement zur Verfügung stellen kann“, ist Mark Zimmermann, Gründer und Geschäftsführer von Infomotion, überzeugt.

Erschienen am 25. April 2013 im Handelsblatt.

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