Open Innovation: Offen für Ideen von außen

Ein Getriebe ganz ohne Flüssigschmierstoffe, das auch in verschmutzungssensiblen Branchen wie der Lebensmitteltechnik einsetzbar ist – das könnte eine willkommene Ergänzung für das Portfolio von Wittenstein sein.  Zwar wäre es für den Getriebespezialisten mit Sitz in Igersheim kein Massengeschäft. Aber regelmäßig fragen Kunden nach. Entwickler im eigenen Haus fanden jedoch keine Lösung.

2011 schrieb das Unternehmen das Problem auf einer Innovationsplattform im Internet öffentlich aus. Das Ergebnis überraschte: „Es sind sehr interessante Ideen von sehr hoher Qualität hereingekommen“, sagt Bert Miecznik, Innovationsmanager bei Wittenstein. Unter den 26 Antworten war der ganz große Wurf zwar nicht dabei, dennoch sieht Miecznik den Pilotversuch als Erfolg: „Wir haben viele Kontakte in die Welt neu geknüpft.“

Auch andere Mittelständler öffnen ihre Entwicklungsabteilungen für die Öffentlichkeit und testen sogenannte Open-Innovation-Projekte. „Man fängt an, über den Tellerrand der eigenen Branche hinausauszublicken“, sagt Frank Piller, Professor für Technologie- und Innovationsmanagement an der RWTH Aachen.

„Insbesondere in forschungsintensiven Industrien spielt die Öffnung des Innovationsprozesses eine immer größere Rolle“, heißt es beim Automatisierungsanbieter Festo. Internetplattformen bieten die Chance, sich Lösungsvorschlägen von Unternehmen, Ingenieuren oder Studenten aus aller Welt zu öffnen. „So wird die zufällige Suche nach der richtigen Lösung systematisiert“, sagt Piller.

Eine Vielzahl von Plattformen mit unterschiedlichem Branchenfokus ist binnen weniger Jahre entstanden. Zu den Anbietern mit den meisten registrierten Nutzern gehören NineSigma, Presans oder SpecialChem. Der Umsatz dieser Seiten liegt laut RWTH Aachen bei 2,7 Milliarden Euro – bis 2015 soll sich dieser Wert verdoppeln.

Nach der Anmeldung können Unternehmen ihren Bedarf beschreiben und ein Zeitfenster für Lösungsvorschläge angeben. Im Idealfall ist das Problem längst von einem Unternehmer in einer anderen Branche gelöst – aus einem Entwicklungsproblem wird so ein Beschaffungsfall. Wird die passende Antwort eingereicht, geht es um die Nutzungsrechte: Mal werden von vornherein Pauschalbeträge ausgeschrieben, mal verhandeln die Partner separat über die Lizenzen.

Ganz billig aber ist Open Innovation freilich nicht. Im Durchschnitt kostet ein Projekt 43 000 Euro, berechneten die RWTH-Forscher. Die Abweichungen nach oben und unten waren jedoch gewaltig. Oft bietet sich Mittelständlern damit die Chance, mit vergleichsweise geringem Aufwand zu forschen.

Neben den Sorgen um die rechtlich einwandfreie Lizenzierung bremst jedoch der Entwicklerstolz manches Open-Innovation-Projekt: „Zu sagen, dass wir nicht auf die Lösung kommen – das müssen sie sich erst mal trauen“, sagt Wittenstein-Innovationsmanager Miecznik. Diese Hürde konnte er nehmen, indem die Ausschreibung anonym veröffentlicht wurde. Das kann auch davor schützen, dass die Konkurrenz mitbekommt, woran man forscht.

In Kernbereichen will Wittenstein auch in Zukunft dagegen auf etablierte Forschungskooperationen abseits der Innovationsplattformen setzen. „Da brauche ich einfach ein besonderes Vertrauensverhältnis“, sagt Miecznik. Für Randaspekte, etwa in der Verpackung oder der Logistik, will er aber weiter Open Innovation nutzen: „Wir sind ein Mittelständler, wir können einfach nicht alle Kompetenzen abbilden.“

Der Ideentransfer kann sich für hoch spezialisierte Mittelständler auch als Ideengeber lohnen: Wer das Netz nach Ausschreibungen durchforstet, kann auf Anfragen stoßen, die perfekt auf das eigene Profil passen. Karl Massholder, Inhaber von Ultrakat, stieß auf diese Weise vor einigen Jahren zufällig auf eine Ausschreibung von General Motors.

Der Autokonzern suchte eine Lösung, um Motoren von Dieselpartikeln zu reinigen.  Massholder, der in seinem Ingenieurbüro für Plasmatechnik acht Mitarbeiter beschäftigt, hatte die Lösung in der Schublade – und kurze Zeit später einen Entwicklungsauftrag mit dem Großkonzern in der Tasche.

Seitdem nutzt der Unternehmer die Plattformen als einen zusätzlichen Vertriebsweg, über den sich bis heute 15 größere Verträge mit Firmen wie Coca-Cola oder Procter & Gamble ergeben haben. „Wir sind so an Aufträge gekommen, die wir auf normalen Wegen in 100 Jahren nicht erhalten hätten“, sagt Massholder.

Erschienen am 13. Juni 2013 im Handelsblatt.

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