Antonio Krüger: „Die Industrie hat Nachholbedarf“

Geht es um komplexe Analyseverfahren, stößt man immer wieder auf Beispiele aus dem Handel – von Amazon bis Otto. Professor Antonio Krüger leitet das Innovative Retail Laboratory am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI). Die Methoden seien für Handel und Industrie gleichermaßen geeignet, Krüger sieht aber entscheidende Hemmnisse.

Herr Krüger, überall wird über das Potenzial von Datenanalysen gesprochen. Wieso ist der Handel da anscheinend in vielen Punkten weiter?

Antonio Krüger: Onlinehändler sind mit fortgeschrittenen Analyseverfahren groß geworden und treiben das Thema voran. In einem Geschäft mit knappen Margen hat das auf traditionelle Handelsunternehmen ausgestrahlt. Das produzierende Gewerbe hat sicher etwas Nachholbedarf.

Kann die Industrie hier vom Handel lernen?

Die Methoden sind an sich dieselben. Und immer mehr Dienstleister stellen ihre Angebote branchenübergreifend zur Verfügung. Mit Verfahren, bei denen die Programme sich selbst verbessern, könnte das ganze Thema für die Industrie einen neuen Schub bekommen.

Was macht es für den Handel bislang einfacher?

Der Händler hat meist alle relevanten Daten des Kunden unter seiner Hoheit. In der Industrie hingegen geht es erst einmal darum, die Daten von verschiedenen Maschinen oder Anlagen zusammenzubringen und zu verknüpfen.

Dafür hat der Händler viel mit sensiblen personenbezogenen Daten zu tun. Das klingt doch nach einem Vorteil für die Industrie.

Paradoxerweise nicht. Kunden kann man mit einem simplen Einwilligungsverfahren schnell dazu bringen, ihre Daten für Analysezwecke freizugeben. Das werden Sie in der Industrie nicht schaffen.

Warum nicht?

Dort ist das Bewusstsein hoch, dass in vielen Daten das zentrale Firmen-Know-how steckt. Solange die Unternehmen keinen großen Mehrwert für sich sehen, werden sie sich gegen den Austausch sträuben. Nur erkennt man einige Vorteile erst, wenn man es ausprobiert. Es bleibt ein Henne-Ei-Dilemma. Dabei gilt: Je mehr man vom Kunden weiß, desto besser kann man ihn bedienen. Das gilt auch für die Industrie.

Erschienen am 14. März 2016 im Handelsblatt.

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