Jobs in der Industrie 4.0: Mehr Gespür für das Geschäft

Die Stellenanzeige beginnt ganz klassisch: Der Maschinenbauer Trumpf sucht aktuell für seinen Schweizer Standort einen „initiativen, gewissenhaften und teamfähigen Maschinenbauingenieur“ – gerne mit fundierter Konstruktionserfahrung. Bei der Aufgabenstellung wird es bunter: Gefragt ist die Integration von mechatronischen und optomechanischen Komponenten, dazu sollen Laser eingebaut werden.

Verschiedene Disziplinen des Ingenieurwesens verschmelzen – zudem werden Maschinen immer stärker miteinander vernetzt. Industrie 4.0 heißt das Zukunftsprojekt mit dem Ziel, die Produktion immer stärker zu individualisieren.  Die Anforderungen an das Personal steigen: „Man muss über Grenzen hinweg denken“, sagt Stefan Gryglewski, Leiter des Zentralbereichs Personal bei Trumpf, der in den letzten drei Jahren etwa 1 000 Ingenieure eingestellt hat.

Maschinenbauer Trumpf steht dabei stellvertretend für weite Teile des produzierenden Gewerbes: Auch wenn der klassische Spezialist weiter gefragt ist – es entstehen dank Industrie 4.0 ganz neue Karrierepfade für Ingenieure.

Es sind gute Nachrichten für einen Berufszweig, der ohnehin schon stark umworben wird. Für 2013 meldete das Statistische Bundesamt erstmals mehr als 800 000 sozialversicherungspflichtig angestellte Ingenieure. Doch der Bedarf ist noch höher: Im Sommer zählte der Verein Deutscher Ingenieure (VDI) knapp 60 000 offene Stellen für seine Klientel. Am größten war der Bedarf bei Bau- und Gebäudetechnik sowie der Maschinen- und Fahrzeugtechnik. Relativ den größten Zuwachs an unbesetzten Stellen hatte die Rohstofferzeugung und – gewinnung.  Regional wird aktuell am stärksten in Baden-Württemberg, Bayern und Hessen gesucht.

In erster Linie wird das Projekt Industrie 4.0 dafür sorgen, dass die Entwicklungsteams interdisziplinärer arbeiten. Neben Elektrotechnikern und Mechatronikern zählen etwa im Maschinenbau auch Softwareentwickler und Sensorikspezialisten schon zum Standardpersonal. Die Anforderungen gehen weit über das Fachliche hinaus: „Für die neuen Herausforderungen braucht die Wirtschaft Ingenieure, die analytisch denken und handeln“, sagt Jivka Ovtcharova, Lehrstuhlinhaberin für Informationsmanagement im Ingenieurwesen am Karlsruher Institut für Technologie.

Führungskräfte müssten „auch in der Lage sein, strategisch als auch methodisch die Umsetzung neuer Geschäftsmodelle dem Topmanagement darzulegen“, so Ovtcharova. „Die Business-Denkweise wird nicht den MBA-Absolventen vorbehalten bleiben.“ Kommunikation als Schlüsselqualifikation: Projektteams werden flexibler zusammenarbeiten und in kürzeren Zeiträumen Zwischenergebnisse präsentieren und gegebenenfalls anpassen müssen. „Wer sich für verschiedene Perspektiven des Unternehmens interessiert, der hat gute Karrierechancen“, sagt Trumpf-Personaler Gryglewski.

Der VDI hat gerade Arbeitskreise mit Vertretern aus Hochschulen und Industrie ins Leben gerufen, die den Bedarf ausloten und Lehrpläne anpassen sollen.  Geduld ist gefragt: Es werde mindestens drei bis fünf Jahre dauern, bis die entsprechend ausgebildeten Ingenieure auf den Markt kommen, sagt Forscherin Ovtcharova.

Parallel bleibt auch die hochspezialisierte Fachlaufbahn offen – etwa in der Forschung. „Wenn ein Nerd plötzlich so tut, als wäre er ein Kommunikationsweltmeister, dann kann das nicht gutgehen“, sagte Detlef Vogel, Niederlassungsleiter von Ferchau Engineering, auf dem Absolventenkongress in Köln in der vergangenen Woche. Niemand muss sich also verstellen.

Der Aufstieg allerdings fällt leichter, wenn ein Ingenieur auch Geschäftssinn und Blick aufs Ganze mitbringt. Zudem schätzen Arbeitgeber im zunehmend internationalen Geschäft, wenn Einsteiger Auslandserfahrung mitbringen. Noch zögern viele Ingenieure: Im Vergleich mit anderen Fachrichtungen verlassen sie am seltensten die Heimat, ergab eine VDI-Umfrage. Nur vier Prozent aller angehenden Ingenieure studierten auch im Ausland – bei vielen anderen Studiengängen lag der Wert doppelt so hoch.

Auch im Berufsleben erleben Unternehmen, dass Ingenieure zögern, wenn ihnen eine Entsendung angeboten wird – obwohl diese meist mit einer Beförderung verbunden ist. Detlev Vogel nannte das Beispiel eines Automatisierungstechnikers, der „immer den dicken Zeh im Rhein haben möchte“.  Schwierig in einer exportorientierten Branche, in der viele Projekte Präsenz im Ausland erfordern.

Erschienen am 5. Dezember 2014 im Handelsblatt.

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