Community Cloud: Guter Draht zur Konkurrenz

Die Autobranche hat sich ihr eigenes virtuelles Biotop geschaffen. Der Name: ENX. Selbst erbitterte Konkurrenten ziehen hier an einem Strang. Im Branchennetzwerk ENX, das mittlerweile in die Cloud ausgelagert ist, haben sich 1 500 Unternehmen aus 40 Ländern kommunikativ miteinander verbunden. In der geschützten Umgebung arbeiten Autobauer und Zulieferer gemeinsam an Entwicklungen: Sie schicken Verträge, CAD-Dateien und gar Produktionssteuerungscodes durch das Netz.

Berechtigungen werden per Mausklick erteilt – und auch wieder entzogen.  „Sobald es mehr als einen Partner gibt, ist der Austausch anders kaum noch wirtschaftlich darstellbar“, sagt Lennart Oly, Geschäftsführer der Trägervereinigung ENX Association.

Eine eigene Cloud-Lösung, abgestimmt auf die speziellen Bedürfnisse einer Branche: In sogenannten Community-Clouds wollen Unternehmen und IT-Dienstleister möglichst viele Vorteile des Cloud-Computings bündeln, ohne auf allgemeine Angebote zurückzugreifen. Technisch ist der Begriff nicht genau definiert – die bisher existierenden Modelle sind meist hybride Architekturen, also eine Mischform von Public und Private Cloud.

Noch handelt es sich um ein Nischenphänomen – doch die Attraktivität wächst.  Laut Cloud-Monitor, den der Branchenverband Bitkom und die Wirtschaftsprüfer von KPMG herausgeben, nutzen erst zwei Prozent der befragten Unternehmen eine Community-Cloud. Doch schon zwölf Prozent ziehen es in Erwägung – eine Verdopplung gegenüber dem Vorjahreswert.

Ihre Stärke spielt die Community-Cloud aus, wo Marktteilnehmer mit identischen regulatorischen Anforderungen zu tun haben. So hat die deutsche Versicherungswirtschaft die „Trusted German Insurance Cloud“ ins Leben gerufen.  Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik hat sie im Frühjahr zertifiziert. Zwar war die Versicherungsbranche schon länger vernetzt – aber bisher eben nicht über die Cloud. Ein typischer Fall: „Es ist enorm hilfreich, wenn der Schritt in die Community-Cloud nicht der erste gemeinsame Schritt ist“, sagt ENX-Geschäftsführer Oly. Die Automobilindustrie etwa setzt seit den 70er-Jahren auf einen elektronischen Datenaustausch. „Da ist es eine gute Möglichkeit, die Zusammenarbeit auf die nächste Stufe der Effizienz zu heben.“

Größte Herausforderung ist das richtige Maß an Vertrauen, um zu einer gemeinsamen technischen Lösung zu kommen. „Wenn man ein Schloss bauen will, das alle Wünsche erfüllt, kann es schnell zu teuer werden“, warnt Khaled Chaar, Geschäftsführer bei Pironet NDH Datacenter. Knifflig ist die Frage nach dem richtigen Verhältnis von Branchenanforderungen und speziellen Unternehmenswünschen. Sie kann die Verhandlungen über eine Community-Cloud verzögern.

Neutralität ist beim technischen Zuschnitt gefragt. „Steht ein Broker als unabhängiger Dritter in der Mitte, ist das von Vorteil“, sagt René Büst, Senior-Analyst beim Beratungsunternehmen Crisp Research. In der Automobil-Cloud ENX kümmert sich der Trägerverein um das Tagesgeschäft. Neue Unternehmen kommen nur hinzu, wenn ein Mitglied für den Neuling einsteht und ihm bescheinigt, dass er dem Netzwerk nützt. Trotz aller Regeln: In der Gemeinschafts-Cloud bleibt es nicht aus, dass neben technischen auch politische Fragen diskutiert werden: „So ein Konstrukt will erst einmal geführt werden“, sagt Chaar.

Gruppendynamische Herausforderungen sieht auch Walter Kirchmann, Geschäftsführer des Frankfurter IT-Dienstleister FI-TS: „Je mehr Synergien es gibt, desto eher lohnt sich der Austausch für alle. Aber umso schwieriger ist es, sich mit allen Partnern auf das größte Set an Gemeinsamkeiten zu einigen.“  FI-TS ist gerade dabei, eine Community-Cloud-Lösung für die deutschen Landesbanken einzuführen. Die Grundbedingungen stimmen: Wegen der regulatorischen Anforderungen der Finanzaufsicht Bafin an die IT sitzen viele Institute im selben Boot.

Trotzdem schreitet das Projekt nur langsam voran: Gemeinsam mit einer ersten Bank hat FI-TS das System entwickelt, eine zweite Bank ist gerade integriert, drei weitere stehen in der Pipeline. „Die Zeitpläne können sehr individuell davon abhängen, wann der Umbau der IT bei einem Unternehmen aufgesetzt wird“, sagt Kirchmann. Die Anforderungen variieren stark. Sichere Zugänge zu gemeinsam genutzten Daten sind das A und O. Berater Büst beschreibt es so: „Die Community-Cloud steht in der Mitte. Sie muss verschiedene Sprachen sprechen und eine gewisse Sicherheit garantieren.“

Dazu zählt zum einen ein verbindlicher Datenstandard innerhalb der Cloud, zum anderen auch die Möglichkeit für die beteiligten Unternehmen, über Schnittstellen ihre eigenen Applikationen anzuschließen. Eine weitere Besonderheit: In der Community-Cloud kooperieren zwar Firmen mit ähnlichen Interessen. Dennoch ist es besser, wenn ihre Nutzungsprofile nicht allzu deckungsgleich sind. Fordern nämlich alle gleichzeitig zusätzliche Kapazitäten aus der Cloud an, muss der Dienstleister die Lastprofile addieren und Kapazitäten bereithalten. So schmelzen die Kostenvorteile, die das Cloud-Computing verspricht. Im Fall der Banken etwa fallen Monats- und Jahresabschlüsse naturgemäß in denselben Zeitraum: „Wir führen intensive Gespräche, um die Lastspitzen zumindest in möglichen Zeitfenstern zu verteilen“, sagt Kirchmann.

An Bedeutung gewinnen könnte die Community-Cloud durch Industrie 4.0, also den Trend, die Produktion stärker zu vernetzen. Da so höhere Anforderungen auf Firmen zukommen, könnte eine Community-Cloud entlang einer Lieferkette Sinn ergeben. „Cloud-Computing übernimmt als Basistechnologie bei der Einführung von Industrie 4.0 eine wichtige Aufgabe“, sagt Josef Glöckl-Frohnholzer, COO des Cloud-Anbieters Zimory. Die Kommunikation entlang einer Wertschöpfungskette stelle eine technologische Herausforderung dar.

Erste Entwicklungen sind bei ENX zu beobachten – durch Car-to-X. Dahinter steckt die intelligente Vernetzung von Fahrzeugen untereinander, mit Verkehrsleitsystemen und anderen Schnittstellen. Dieser Trend dürfte bald für mehr Verkehr in der Auto-Cloud sorgen.

Erschienen am 1. Dezember 2014 im Handelsblatt.

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *