Chief Digital Officer: Nichts für schwache Nerven

Von der Fertigung über die Logistik bis hin zum Vertrieb: Sekündlich entstehen bei Schaeffler Millionen neuer Datenhäppchen. Für die Verknüpfung und Auswertung all dieser Informationen suchte der Automobilzulieferer einen Vordenker – im Oktober wechselte der vorherige IBM-Manager Gerhard Baum zum Konzern aus Herzogenaurach. Als Chief Digital Officer (CDO) ist er nun zuständig für die gesamte digitale Agenda.

Immer öfter tauchen solche oder ähnliche Funktionen nicht nur bei IT-Unternehmen, sondern auch in Firmen anderer Branchen auf. Es ist ein leitender Posten mit hohen Anforderungen: „Sie brauchen ein technisches und ein kommerzielles Verständnis, ein unternehmerisches Gespür und die Talente eines Change-Managers“, sagt Wiebke Köhler von der Personalberatung Heidrick & Struggles.

Die geforderten Qualifikationen engen die Zahl an möglichen Kandidaten stark ein – zumal auch Branchenerfahrung gerne gesehen ist. Baum etwa begann seine Karriere als Ingenieur bei Daimler und betreute bei IBM viele Jahre lang Kunden aus der Automobilindustrie. Volkswagen verpflichtete jüngst als Digitalisierungschef Johann Jungwirth – er kam von Apple, war zuvor aber bereits in der Innovationsforschung bei Mercedes tätig.

Zu den breiten fachlichen Anforderungen kommt: Der Job erfordert ein robustes Mandat und ein stabiles Selbstbewusstsein. Denn die Zuständigkeit für alle Digitalthemen sorgt zwangsläufig dafür, dass der CDO in die Domäne anderer Führungskräfte vorstößt. „Der CDO nervt kolossal“, sagt Personalberater Dwight Cribb, „das macht es herausfordernd, was die Akzeptanz im Unternehmen angeht.“

Der Titel suggeriert eine Verortung auf dem sogenannten „C-Level“ – also der Vorstandsebene. Ganz so hoch wollen viele Unternehmen in Deutschland den Posten aber nicht aufhängen. Darum finden sich auch immer wieder Titel wie „Head of Innovation Management“, „Vice President Digital Transformation“ oder „Head of IT Strategy“, wie Personalberaterin Köhler bei einer Untersuchung unter deutschen Dax- und M-Dax-Unternehmen herausgefunden hat. Wichtig sei, dass damit dennoch Verantwortung für Umsatz, Ergebnisse und Mitarbeiter verbunden sei, so Köhler.  „Ansonsten ist der Posten nichts als ein besserer Projektmanager.“

Die Besetzung der Spitzenposten ist auch deshalb so schwierig, weil die konkrete Aufgabenbeschreibung sich von Fall zu Fall deutlich unterscheiden kann.  „Es kommt sehr stark darauf an, was im Unternehmen schon an digitaler Kompetenz und digitalen Strukturen vorhanden ist“, sagt Cribb. In einem Softwareunternehmen kann sich ein CDO vielleicht schon von Beginn an um zukünftige Geschäftsmodelle kümmern. In einem Maschinenbaubetrieb könnte es dagegen wichtiger sein, sich an allen Standorten des Unternehmens zuerst einen Überblick über die digitale Reife zu verschaffen.

Bei Schaeffler will Gerhard Baum besonders auf den Wandel der Arbeitswelt achten. Der Umgang mit Smartphones, Robotern und Apps werde in der Produktion in einigen Jahren selbstverständlich sein: „Eine konstante Weiterbildung, insbesondere der Mitarbeiter, die nicht mit dieser Technik groß geworden sind, ist enorm wichtig“, so Baum.

Einen typischen Karriereweg für digitale Vordenker gibt es noch nicht. Als guten Nährboden für ambitionierte Kandidaten sehen Personalberater aber unter anderem Strategieabteilungen in den traditionellen Konzernen. Um sich dazu noch die nötige Expertise und Auszeichnung im Digitalen zu verdienen, ist im Laufe der Karriere eine Führungsaufgabe in einem IT-Unternehmen nahezu unerlässlich.

Die langfristige Perspektive des Postens bleibt spannend: Je erfolgreicher ein Chief Digital Officer bei dem Wandel seines Unternehmens ist, desto eher könnte er seine eigene Funktion überflüssig machen. Eine gelungene Transformationen qualifiziert aber auch für noch höhere Aufgaben: „Der CDO könnte bei einigen Unternehmen der nächste CEO werden“, sagt Cribb.

Erschienen am 4. Dezember 2015 im Handelsblatt.

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